Stell Dir vor, jede Aufgabe, die Du übernimmst, ist ein kleiner Klammer-Affe. Sobald Du Ja sagst, springt er Dir auf die Schulter, klammert sich fest und will gefüttert, gekrault und beschäftigt werden. Eine kleine Gefälligkeit ist ein kleines Äffchen. Ein großes Projekt ist ein ausgewachsener Gorilla. Und je mehr Aufgaben Du hast, desto mehr Affen turnen auf Dir herum.

Diese wunderbare Metapher hat Kenneth Blanchard gemeinsam mit William Oncken Jr. in seinem Klassiker »Der Minuten Manager und der Klammer-Affe« bekannt gemacht. Seitdem haben andere Autoren das Bild aufgegriffen, heute oft unter dem Stichwort »Monkey Business«.

Und jetzt Hand aufs Herz: Wie viele Klammer-Affen sitzen gerade auf Deiner Schulter? Wie viele Aufgaben, Gefälligkeiten und Probleme, die im Kern gar nicht Deine Baustelle sind? Und wie viele Aufgaben hattest Du eigentlich längst abgegeben, und trotzdem sind sie wieder bei Dir gelandet?

Dumm nur, wenn wir unter dem Gewicht in die Knie gehen. Zeit, etwas dagegen zu tun!

Lesetipp:
Wie Du Aufgaben so abgibst, dass sie auch dort bleiben, zeige ich Dir ausführlich in
»Zeitmanagement für kreative Chaoten«,

Kapitel »Mit ›Tu du!‹ echten Freiraum schaffen«, S. 238 ff. 

Warum Möglichkeitsmenschen so viele Affen tragen

Möglichkeitsmenschen sind offen für Neues.
Sie sind aufgeschlossen, neue Themen zu entdecken.
Sie übernehmen gerne Aufgaben, bei denen sie bislang Unbekanntes lernen.
Und weil sie oft auch sehr hilfsbereit sind, haben sie schneller neue Aufgaben im Nacken sitzen, als es ihnen guttut.

Klar, neue Dinge entdecken macht Spaß. Anderen Leuten helfen auch.

Doch wie oft hast Du schon abends festgestellt, dass Du vor lauter »fremden« Aufgaben, Gefälligkeiten und fremden Problemen gar nicht zu dem kamst, was Du »eigentlich« erledigen wolltest?

Das Klammer-Affen-Phänomen:
Wer ständig die Probleme anderer übernimmt, übernimmt sich

Die Autoren bezeichnen neue Aufgaben, aber auch jeden weiteren Schritt, der im Zusammenhang mit einer Aufgabe zu erledigen ist, als Klammer-Affen, der uns auf die Schulter springt. Je mehr Aufgaben wir haben, desto mehr Affen sitzen auf unserer Schulter.

Ein Beispiel: Du erzählst einem Bekannten von einem spannenden Podcast. Der ist begeistert, und Du versprichst, ihm den Link zu schicken. Ihn freut das natürlich sehr, aber »hüpf«, schon hast Du den Klammer-Affen »Link schicken« auf Deiner Schulter.

Das scheint Dir jetzt vielleicht nicht sonderlich viel. Aber bis zum Ende der Woche hast Du Dir schnell mal 20 Klammer-Affen auf die Schultern geladen. (Ja, ich kümmere mich um den Mietwagen im Urlaub. Ja, ich schicke Dir die Netzwerktreffen-Fotos. Ja, ich stelle einen Kontakt zwischen zwei Bekannten her …) Du kennst das sicherlich: Wir übernehmen zu viele Gefälligkeiten und Kleinkram-Aufgaben. Dann ackern wir To-do für To-do ab, die Last der Klammer-Affen erdrückt uns schier, und unsere wirklich wichtigen Aufgaben bleiben liegen.

Zusätzlich dumm daran: Andere Menschen können mit ihrer Arbeit manchmal so lange nicht weitermachen, bis wir unseren Part erledigt haben. Und damit blockieren wir auch die Arbeit der anderen und produzieren Leerlauf. Berufstätige kennen das, wenn sie von Kollegen oder Vorgesetzten eine Auskunft brauchen. Der andere verspricht, die Info asap zukommen zu lassen, tut es aber nicht. Und so ist es auch umgekehrt: Je mehr kleine Gefälligkeits-Klammer-Affen Du Dir auf die Schulter lädst, desto mehr blockierst Du unter Umständen andere Menschen, wenn Du nicht sofort die gewünschten Sachen lieferst.

Achtung, anhänglich: Wenn abgegebene Affen zurückspringen

Jetzt die gute Nachricht: Wir dürfen Klammer-Affen mit Fug und Recht auf andere Schultern setzen. Ich nenne das »Tu du!«.

Aber Achtung: Klammer-Affen sind anhänglich. Kaum sitzen sie drüben, schielen sie schon zu Dir zurück. Eine Rückfrage auf dem Flur, ein »Ich komme da gerade nicht weiter«, ein paar Tage Stillstand, und plötzlich denkst Du: Bevor ich lange warte oder alles noch mal erkläre, mache ich es schnell selbst. Zack, Affe zurück. Fachlich heißt das Rückdelegation.

Besonders gefährdet sind übrigens die Netten mit den guten Ideen. Kommt jemand mit einem Problem, haben sie die Lösung schon im Kopf, bevor der Satz zu Ende ist. Und sprechen sie aus. Hilfsbereit, schnell, klug, und schon sitzt der Affe wieder auf der eigenen Schulter.

Mein Tipp: Halte kurz inne, wenn ein Affe zu Dir zurückwill. Stell Dir vor, wie er die Ärmchen nach Dir ausstreckt, große Kulleraugen inklusive. Und dann sag selbstbewusst: »Du nicht. Du bleibst schön da drüben.«

Sei nett und hilfsbereit, aber entscheide bewusst

Bitte versteh mich richtig: Es geht mir NICHT darum, dass wir keine Mini-Aufgaben mehr übernehmen, dass wir keine netten, hilfsbereiten Menschen mehr sind. Im Gegenteil: Anderen Menschen mit einer Info, einem Kontakt, einem Handgriff zu helfen, das macht nicht nur den anderen glücklich, sondern auch uns selbst. »Helfen macht glücklich«, das haben zahlreiche Studien gezeigt. Und Glück, das wir austeilen, kommt mannigfach zu uns zurück.

Mir kommt es auf den Aspekt des bewussten Aufgaben-Übernehmens an. Hast Du alle Zeit der Welt, dann nimm Dir so viele Klammer-Affen auf Deine Schultern, wie Du tragen kannst. Merkst Du allerdings, dass die Last der Affen bereits extrem viel wiegt, dann entscheide Dich bewusst, wie Du mit all Deinen Klammer-Affen umgehen willst.

Das Bild der Klammer-Affen half mir persönlich vor Jahren, als ich das Buch zum ersten Mal las, endlich mein Überlastungs-Phänomen plakativ zu erkennen. Und bewusst zu sehen: Besser ist es, den einen oder anderen Klammer-Affen gar nicht erst auf die Schulter zu lassen. So stelle ich mir seitdem bei Aufgaben, Gefälligkeiten und Angeboten, die in meine Nähe kommen, einen Klammer-Affen vor (kleine Aufgabe = kleines Äffchen, große Aufgabe = Riesen-Gorilla) und kann besser abwägen: »Will ich den wirklich auf die Schulter nehmen oder lieber nicht?«

Mit 8 Fragen das »Monkey Business« richtig machen

Bevor ein neuer Affe aufspringt

  1. Wessen Affe ist das eigentlich? Wer hat hier das Problem: ich oder der andere? Oder kann er sich zum Beispiel den Link auch einfach selbst googeln?
  2. Hat mich überhaupt jemand gefragt? Oder habe ich in vorauseilendem Gehorsam mal wieder meine Schulter angeboten?
  3. Äffchen oder Gorilla? Wie viel Zeit und Kraft kostet mich dieser Affe wirklich, nicht nur heute, sondern bis er wieder von meiner Schulter runter ist?
  4. Darling oder Depp? Wo ist für mich die Grenze zwischen »Everybody’s Darling« und »Everybody’s Depp«?

Wenn ein Affe zurückspringen will

  1. Kenne ich den nicht schon? Ist das eine Aufgabe, die ich delegiert hatte und die jemand jetzt an mich zurückdelegieren will?
  2. Lösung oder Frage? Braucht der andere wirklich meine Lösung, oder reicht ein »Was schlägst Du vor?«
  3. Wer stellt sich hier gerade ungeschickt an? Und hofft vielleicht, dass ich übernehme?
  4. Was passiert, wenn der Affe einfach drüben bleibt? Ist es wirklich schlimm, wenn es dort etwas länger dauert oder anders wird, als ich es gemacht hätte?

Überlege in Ruhe, welche Klammer-Affen Du ab sofort nicht mehr auf Deine Schultern lässt. Und welchen Du heute noch freundlich zurücksetzt. So gewinnst Du erheblich Zeit und Spielraum für die wirklich wichtigen Aufgaben und für Deine Erholung.

Viel Erfolg!